Deeskalationstraining
- Situation
- Das Thema dieses Beitrags, geübt an Fällen aus Ihrer Einrichtung statt aus dem Lehrbuch.
Wer Deeskalation für eine Sammlung von Formulierungen hält, wird in der Situation feststellen, dass sie nicht funktionieren. Was tatsächlich wirkt.
In fast jedem Training fragt jemand nach dem Satz. Nach der Formulierung, mit der sich eine aufgeladene Situation zuverlässig entschärfen lässt. Die Frage ist verständlich und die Antwort unbefriedigend: Diesen Satz gibt es nicht.
Das liegt nicht daran, dass Sprache egal wäre. Es liegt daran, dass eine Eskalation längst läuft, bevor gesprochen wird. Wer erst im Moment der Drohung anfängt zu deeskalieren, hat die drei Punkte davor bereits verpasst.
Menschen, die kurz vor einem Übergriff stehen, verhalten sich vorher anders. Sie verringern den Abstand. Sie richten sich auf. Ihr Blick wird enger und fixiert. Die Stimme wird nicht unbedingt lauter, aber flacher und schneller. Wer diese Signale kennt, hat einen Vorsprung von dreißig Sekunden, und dreißig Sekunden sind in solchen Situationen viel.
Der zweite Punkt ist die eigene Haltung. Nicht im Sinne von Einstellung, sondern körperlich: Wo stehen Sie? Wie stehen Sie? Frontal und nah bedeutet Konfrontation, auch wenn Sie freundlich sprechen. Leicht seitlich und mit Abstand nimmt Druck aus der Situation, bevor irgendetwas gesagt wurde.
Der dritte Punkt ist der, den fast alle übersehen: Wer noch im Raum ist. Eskalationen vor Publikum verlaufen anders als Eskalationen unter vier Augen. Wer sich vor anderen zurücknimmt, verliert das Gesicht, und Menschen, die das Gesicht verlieren, werden gefährlicher, nicht ruhiger. Andere aus dem Raum zu holen ist oft wirksamer als jedes Gesprächsangebot.
Wenn diese drei Punkte stimmen, wirkt Sprache. Dann trägt der Unterschied zwischen „Beruhigen Sie sich" und „Ich sehe, dass Sie wütend sind" tatsächlich. Der erste Satz ist eine Anweisung und wird als Herabsetzung gehört. Der zweite beschreibt eine Beobachtung und lässt der anderen Person ihre Wut.
Was fast immer schadet: rhetorische Fragen, Erklärungen der Rechtslage, Vergleiche mit anderen Menschen und alles, was mit „Sie müssen verstehen" beginnt. In diesem Zustand versteht niemand etwas. Verstehen kommt später.
Es gibt Situationen, in denen Deeskalation die falsche Strategie ist. Wenn eine Person bereits handgreiflich geworden ist, wenn eine Waffe im Spiel ist, wenn jemand offensichtlich nicht ansprechbar ist. Dann geht es um Abstand, Rückzug und Hilfe.
Diese Grenze klar zu benennen, gehört in jedes Training. Denn die gefährlichste Vorstellung ist nicht die, dass Deeskalation schwierig sei. Es ist die Vorstellung, sie funktioniere immer, wenn man es nur richtig macht. Mitarbeitende, die das glauben, bleiben zu lange in Situationen, aus denen sie längst hätten herausgehen sollen.
Ein Training, das aus Gesprächsführung besteht, greift zu kurz. Es braucht Wahrnehmung, Positionierung, Raumnutzung und eine klar besprochene Grenze, ab der etwas anderes gilt. Und es braucht Übung mit Fällen aus dem eigenen Haus, nicht mit konstruierten Beispielen. Wer im Seminarraum einen fiktiven aggressiven Kunden beruhigt, hat für den Dienstag nichts gewonnen.
Vertiefung
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